Die wahren Spießer unter uns

Es war ein No-Go. Es war für mich der Innbegriff der Spießigkeit. Fahrradausflüge mit Kindern im Anhänger und Eltern mit unförmigen Helmen. Eine Katastrophe. Einer meiner weisen Sprüche kurz vor meinem zwanzigsten Geburtstag. „Wer seine Kinder in solchen Pappschachteln transportiert, der hatte wohl kein Geld für Abtreibung.“ Zu hart? Auf jeden Fall. Jugendliche Dummheit? Richtig.

Eineinhalb Jahrzehnte und zwei Kinder später weiß ich es besser. Neben einem Kind im spießigen Fahrradanhänger, radelt eins unter nicht endend wollenden mütterlichen Anweisungen vorneweg und der Papa mit Hund an der Leine hinterher. Mittendrin ich – mit unförmigem und absolut unattraktivem Fahrradhelm. Wieso sehen Kinder nur so niedlich damit aus und ich wie eine missratene Figur aus Supermario?

Was ist eigentlich spießig?

Es gibt wohl kaum einen Moment, in dem ich mich weniger attraktiv fühle als in diesem. Nun gut, wir brauchen hier nicht über die Schutzmechanismen eines Fahrradhelms zu diskutieren. Die sind mir klar. Doch warum in aller Welt fühle ich mich damit wie die Obermami vom Dienst? Ich bin verplant, liebe Listen, die ich selten abarbeite, bin launisch, hin und wieder sprunghaft, und würde lieber alle einpacken und auf Weltreise gehen, anstatt spießige Dinge zu tun. Wir schenken uns am liebsten Städtetrips und Abenteuerreise, statt All-in-Cluburlaub. Wir sind lieber mit unserem Bus unterwegs anstatt auf Pauschalreise. Ich kann es nicht leiden, wenn man mich Hausfrau nennt. Und warum das ganze? Weil ich ums Verrecken nicht spießig sein will. Aber was ist denn spießig? Laut Duden bedeutet es soviel wie „piefig, provinziell, kleinbürgerlich“.

Oft finden wir Menschen, die einen Plan haben, strukturiert und geradlinig sind– spießig und unspontan. Doch stimmt das so? Und warum steht für mich hausfrauliches Können und Geschick im Einklang mit Spießigkeit. Klar, teilweise resultiert das aus gesellschaftlichen Normen und Strukturen. Aus unserer Vergangenheit, wo Frauen an den Herd gehörten und Männer gefälligst die Familie zu ernähren hatten. Zu sagen, dass wir bis heute mit diesem alten Familienbild kämpfen wäre wohl zu pauschal. Ist es nicht eher so, dass wir uns – vor allem als Frau – immer gezwungen sehen, Rechtfertigungen zu liefern? Warum arbeitest du so früh wieder? Wie lange willst du denn noch zuhause bleiben?

Leben und leben lassen!!

Meine Güte lasst doch mal die anderen machen! Das muss ich mir aber auch selbst sagen. Denn anstatt andere spießig zu finden, weil ich sie im Robinson Club mit 24 Stunden all you can eat und 12 Stunden Kinderbespaßung ihren Urlaub verbringen, heißt das doch noch lange nicht, dass diese Menschen keine Ahnung vom Leben haben, sie gestalten es doch nur anders. Bin ich nicht am Ende die Spießigkeit in Person, wenn ich mir anmaße, mich für was Besseres zu halten, nur weil man mittels Roadtrips mehr vom Ferienland mitbekommt als in der Hotelanlage? Na wenn schon! Leben und leben lassen!

Christian Ulmen sagte einmal in einem Spiegel-Interview: „Die Definition von Spießigkeit ist für mich, sobald jemand nicht in der Lage ist, über seinen Tellerrand hinauszuschauen. Wenn jemand intolerant ist und anderes nicht zulässt, ist er ein Spießer.“ Besser kann man es wohl nicht ausdrücken.

Die waren Spießer sind die, die über die Lebensweise anderer urteilen.

Das kann man auf so vieles übertragen. Aber fangen wir doch mal bei den Mamas an. Wer über den Tellerrand blickt, hinterfragt vielleicht in Zukunft statt zu urteilen. Wenn also Mütter sich für die eine oder andere Variante oder eine der vielen zwischendrin entscheiden, dann hat das immer seinen Grund. Dieser ist persönlich, familiär. Punkt. Bin ich also nicht die Spießigkeit in Person, wenn ich über die eine oder andere Lebensweise als weniger wertvoll abtue? Aber so was von!

Und was ist nun mit dem Fahrradhelm? Na, den werde ich weitertragen. Mit Stolz. Vorbildfunktion. Außerdem: Wer auf Äußerlichkeiten zu viel Wert legt, versperrt sich bestimmt den Blick über den Tellerrand.

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