Wenn aus weniger so viel mehr wird

Kurz vor meinem neunten Geburtstag zog ich mit meinen Eltern vom Harz nach Karlsruhe. Entsprechend ruhig fiel meine Party aus. Natürlich gab es Geschenke, doch außer meinen Eltern und meinen Großeltern waren keine Gäste da. Meine Erinnerung an diesen Geburtstag hinterlässt bis heute den Geschmack von Einsamkeit und Langeweile.

Ich habe es überlebt. Doch vergessen habe ich diesen Tag nie. Es waren außergewöhnliche Umstände damals und wenn man (noch) niemanden kennt, kann man eben auch niemanden einladen. Doch nun ein bisschen mehr als zwei Jahrzehnte später hatte ich Angst, dass auch meiner Tochter ein solcher Geburtstag bevorstehen könnte. Nicht auf Grund eines Umzugs, sondern auf Grund der Corona-Pandemie. Kontaktsperre bedeutet eben auch eine kurze Gästeliste. Dabei nutzen wir solche Gelegenheiten nur zu gern, um unsere engsten Freunde, Paten unserer Töchter und Familienmitglieder an einen Tisch zu bekommen, denn ist Haus und Hof so richtig mit Leben gefüllt, fühlen wir uns am wohlsten. Die großen tratschen und genießen das Leben und die Kids spielen unbeschwert mit Cousinen, Nachbarskindern und Freunden bis es dunkel wird. Bunte Deko, leckere Kuchen, allerlei Geschenke, Stimmengewirr – kurz: ein buntes Treiben – so laufen Geburtstage eigentlich bei uns ab. Doch dieses Mal nicht.

Hatten wir uns genug Mühe gegeben?

Unsere Tochter war darauf vorbereitet, sie wusste, dass es nicht wird wie sonst. Sie schien damit klar zu kommen. Dennoch war mein Anspruch, ihren Tag zu etwas ganz Besonderen zu machen, noch höher als sonst. Schließlich sollte er nicht als einer der vielen Corona-Tage, an denen die Zeit in Sandkasten und Kinderzimmer oft dahinfließt, abgehakt werden. Am Morgen ihres Geburtstages überkam mich ein schlechtes Gewissen? Hätten wir uns noch mehr Mühe geben sollen? Schließlich galt es einen fehlenden Kindergeburtstag und eine abgesagte Party zu kompensieren. Eine spontan entwickeltes Schnitzeljagdquiz mit einem begabten Hüter des Seifenblasenschatzes erwies sich als ungeahntes Highlight und erleichterte mein schweres Mamaherz.

Entspannter Tag mit Höhepunkten

Wir ließen unsere Tochter weitestgehend selbst entscheiden, wie sie ihren Tag im Rahmen der beschränkten Möglichkeiten gestalten möchte. Wir starteten mit einem ausgiebigen Frühstück, packten die Geschenke aus. Diese hielten sich aufgrund der wenigen Geburtstagsgäste in Grenzen, was sich aber als Vorteil entpuppen sollten. Es wurde ein gemütlicher, entspannter Tag mit Höhepunkten wie einer ausgedehnten Runde Topfschlagen, Federball- und Tischtennistunier, einer kunterbunten Geburtstagstorte und dem Experimentieren an der neuen Kugelbahn. Wir fanden sogar die Zeit ihre neue Slackline auszutesten.

Vieles geht sonst unter

Und genau hier sind wir bei der Erkenntnis des Tages: Das größte Geschenk – nicht nur für unser siebenjähriges Geburtstagskind, sondern für uns als Familie – war die viele Zeit, die wir hatten. Zeit jedes Geschenk auszuprobieren, Zeit gemütlich zusammenzusitzen, Zeit für die Hauptperson des Tages. All das geht unter, wenn minütlich neue Gäste eintreffen, wenn das Geburtstagskind ständig aus seinem Spiel herausgerissen wird, weil es brav die Geburtstagswünsche in Empfang nehmen soll. Unzählige gutgemeinte Geschenke werden überreicht. Unsere Tochter ist da Spezialist. Widerwillig unterbricht sie ihr Spiel, reißt emotionslos das Papier auf, bedankt sich zwar höflich, weiß aber im nächsten Moment schon nicht mehr, wessen Geschenk sie achtlos liegen lässt. Ich wertete das oft als undankbar, doch ihr sind die vielen Dinge einfach nicht so wichtig. Jetzt ist mir klar, dass es schlicht und einfach Überforderung war. Denn wie hätte sie sonst dieses Jahr so zufrieden sein können!?

Weniger ist mehr

Fazit: Weniger ist mehr! Das trifft auf so vieles zu. Und eben auch auf Geschenke und Aktionen an einem solchen Tag. Natürlich hat unsere Tochter wie auch wir Freunde, Familie und Paten vermisst, doch sie hat die Zeit in vollen Zügen genossen. Sie hat ihren Papa und mich abends in den Arm genommen und sich für den schönen Tag bedankt! Normalerweise endet so ein aufregender Tag in motziger Müdigkeit und theatralischen Tränen. Sie war einfach zufrieden. Wir werden versuchen, diesen eher „minimalistischen“ Geburtstag in irgendeiner Art und Weise beizubehalten.

Sicher ist aber auch, dass nächstes Mal unser Hof wieder erfüllt sein wird mit den Gesprächen und dem Lachen unserer Freunde und Familie. Doch die Reizüberflutung der Geschenke werden wir versuchen zu steuern und vielleicht wird es auch jenseits von Corona eine ruhigere und bewusstere Variante der Geburtstage unserer Töchter geben.

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