Die Sonntagsgleichung: Wer braucht schon den frühen Vogel?!

Ich vermute, dass ich das X in der Gleichung bin, die Unbekannte. Denn ich schaffe es nicht mal, in einer selbst verordneten Pause still zu sitzen. Im Gegenteil: In mir hat sich auf seltsame Art und Weise, das Credo manifestiert: Pausen sind wertvolle Zeit, die verloren geht. Wenn ich dort eine Pause einlegen, muss ich da drüben den Aufgaben wieder hinterher hechten. Die Quittung für die Pause kommt meist prompt, weil ich mir einbilde, immer und alles sofort erledigen zu müssen.

Was hat es nur mit dem Wochenende auf sich?

Ja, klar, die meisten müssen nicht arbeiten, es läuft alles einen Gang ruhiger ab. Man entspannt sich. Was würde ich darum geben, diese Entspannung mit in den durchgetakteten Alltag zu nehmen. Ich habe alles probiert, Yoga, kleine Pausen-Inseln bauen, privaten Stress reduzieren, hilft alles nix. Mutter ist trotzdem jeden Tag mindestens einmal unentspannt. Auf die Auswirkungen brauche ich wohl nicht näher einzugehen.

Es gibt da durchaus Momente, ja fast schon ganze Tage, wo auch ich entspanne. Ja, man kann schon fast sagen, dass in mir selbst ruhe. Natürlich nur solange, bis irgendwas schiefläuft oder einer meiner heißgeliebten Damen ein Pubs quersitzt. Doch an solchen Relax-Tagen, an Sonntagen, schaffe ich es tatsächlich – hin und wieder -, gaaanz gelassen zu bleiben und mit Engelszungen auf meine Mädels einzureden, zu erklären, zu schlichten, zu vermitteln, abzulenken… Alles, damit der Haussegen im Lot bleibt.

Loslassen, Arbeit aus dem Kopf, Zeit, Familie und Freunde drin, sonst nix! Es hört sich so einfach an und doch gelingt es mir nicht die Gleichung zu lösen, die mir vorrechnet, wie ich zu mehr Ausgeglichenheit auch jenseits dieser idyllischen Familiensonntage finde.

Wenn ich auf etwas warten muss, überlege ich mir, was ich in dieser Zeit erledigen könnte. Selbst bei dem Versuch zu meditieren, kreisen meine Gedanken um Artikel, Posts, Wäschekörbe, Kinderarzttermine und Hausaufgaben. Sind meine Kinder mal ausnahmsweise ohne mein Zutun ins Spiel vertieft, nehme ich am Schreibtisch Platz. Blinkt im Wochenplan ein freier Vormittag auf, rattert mein beschäftigtes Hirn drauf los, welche unerledigten Dinge es in diesen drei bis vier Stunden auf die viel zu kurze „Erledigt-Liste“ schaffen könnten. Immer effektiv sein!

Von einem Powernap will ich erst gar nicht reden, denn wie die ZEIT MAGAZIN in ihrem Artikel „Ruhe, bitte“ schreibt: Zeit ist Geld, und Schlaf ist Zeit – vergeudete Zeit.

Doch die Frage, wieso ich nicht in der Lage bin, die Sonntagsformel in eine alltagstaugliche Ableitung zu transferieren, bleibt.

Stets in meiner Nähe: Der Alibi-Grüntee, doch der wird uns wohl auch nicht vor den Konsequenzen bewahren, mit denen wir rechnen sollten, wenn wir so mit unserem Körper umgehen. Menschen, die mir in dieser Sache einen großen Schritt voraus sind, würden mir wohl zur Achtsamkeit raten, zum Neuordnen der Prioritätenliste. Doch was soll ich denn neu ordnen? Viel Spielraum gibt es da nicht. Ich könnte die Mädels höchstens täglich drei Stunden vor der Glotze parken, dann hätte ich genügend Zeit für Yoga, das passt aber leider nicht in meinen Erziehungsstil.

Da ist noch was: In unserer Gesellschaft hat das Motto „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ enormes Gewicht. Nur wer schon gegen acht Uhr morgens das erste Hemd durchgeschwitzt hat, ist effektiv. „Doch die Frühaufsteher dominieren die Gesellschaft, obwohl sie in der Minderheit sind. Viele häufen über die Woche ein chronisches Schlafdefizit an, weil sie früher losmüssen, als es ihrem Biorhythmus guttut“, sagt der Schlafforscher Hans-Günter Weeß im oben erwähnten Artikel.

Aha: Da haben wir es doch: Nachteulen an die Macht! Lasst die Schule später starten. Lasst uns eine Stunde später mit der Arbeit beginnen, die ohnehin kein anderer erledigt, egal ob am PC oder an der Waschmaschine.

Ich löse meine Gleichung also folgendermaßen: Die Unbekannte X bin nicht nur ich, sondern auch das, was gesellschaftliche Normen uns von Kindesbeinen an einflüstern. „Morgenstund hat Gold im Mund“. Ja, von mir aus. Aber darf die „Morgenstund“ nicht auch ohne schlecht gelaunte Kinder, übermüdete Eltern, knappe Zeitpläne und hastig verschlungene Stullen im Stehen auskommen?

Meine persönlicher Lösungsansatz: Ich werde versuchen, den Tag (auch nach der Corona-Krise), soweit es die Begleitumstände zulassen, langsamer und ein halbes Stündchen später starten. Ich pfeife auf den frühen Vogel, den konnte ich eigentlich noch nie leiden. Ich will weg von morgendlichem Stress, der sich dann durch meinen Tag schlängelt und sich nie so richtig abschütteln lässt. Denn schließlich funktioniert das sonntags ja auch. Zumindest ist es ein Anfang!

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