Kamele im Homeoffice oder eine nicht zu bewältigende Herausforderung

Ich weiß auch nicht warum, doch mein Büro, was eigentlich Ort der Kreativität und Ruhe sein sollte, dient regelmäßig als Abstellraum. Doch immerhin gehörte dieser Raum bislang mir. Mir ganz allein (und ein bisschen meinem Mann, aber das ist ok, denn er ist meistens nicht so anstrengend wie unsere Kinder). Also: Luxus! Denn in diesem Haus einen Platz für sich zu finden, ist nicht die einfachste Aufgabe.

Doch auch das hat sich in Zeiten von Homeschooling geändert.

Nun tummeln sich zwischen Wäscheständer und Schuhregalen auch noch Schulheft und Mäppchen. So bin ich also an den Holztisch umgezogen, der mitten im Raum steht und von wo aus ich alles gut im Blick habe. Von der Waschmaschine bis zum Schulkind. Warum meine Tochter lieber zwischen Büchern, diversen Ordnern und vollen Ablagen ihre Hausaufgaben macht, anstatt sich in ihrem wunderschönen Zimmer auszubreiten, begründet sie so: „Hier bin ich nicht so allein!“ Stimmt! Wie konnte ich nicht überwindbaren Treppen in ihr Kinderzimmer vergessen! Und die schalldichten Wände, wo man sie nicht hören würde…

So sitzen wir nun seit Wochen gemeinsam in meinem Büro, wo von Tischen nicht mehr viel zu erkennen ist. Das war mal eine spielzeugfreie Zone. Mittlerweile muss ich erst Baby Annabell umbetten, wenn ich an meine Unterlagen erreichen will. Es war mein Raum. Auch wenn zwischendurch die Waschmaschine piepste und man es im Winter nur aushält, wenn man den Ofen ordentlich anfeuert. Doch es war mein Raum. Das ist nun Geschichte.

In dieser Kulisse spielen sich mehrmals die Woche ein nervenaufreibendes Drama ab, es gibt meist nur einen Akt, denn dann kapituliere ich.

9.30 Uhr – es geht los….

Die Motivation meiner Dreijährigen, sich selbst zu beschäftigen, hält 90 Sekunden. „Mama!!! Mir ist langweilig.“ „Dann spiel doch ein bisschen im Hof“, schlage ich voller Hoffnung vor. Es gelingt mir tatsächlich, sie zu überzeugen. Nachdem die Schuhe richtig rum an den kleinen Kinderfüßen stecken und sie mir noch einen Schwank aus ihrer Kindergartenzeit erzählt hat, watschelt sie nach draußen. „Bonnie komm“, fordert sie unseren Hund auf, sie zu begleiten. Denn auch sie könnte ja von Einsamkeit übermannt werden. Nur nebenbei: Mein Büro hat einen Ausgang in den Hof und entsprechend gut Sicht nach draußen!

Es dauert nicht lange, da höre ich mahnende Worte in hohen Tönen aus dem Kindermund, denn unser Hund spurt nicht so wie es Klein-Lilly gerne hätte. Der Hund trottet also an seinen angestammten Platz unter meinem Arbeitstisch zurück und lässt sich unter brummenden Schnaufen wieder nieder. Lilly-Ann zottelt beleidigt hinter her, zurück ins Büro, und erklärt mir nun, dass ihr kalt ist. Geduldig mache ich den Reisverschluss ihrer geblümten Jacke zu. Sie springt vermeintlich vergnügt nach draußen. Drei Schritte raus und fünf wieder rein. „Mama, kannst du mit mir spielen?“, unterbricht sie uns erneut. „Nein, das geht leider nicht, ich muss diesen Artikel fertig machen. Schau doch mal, wie es deiner Puppe Annabelle geht“, versuche ich sie abzulenken. „Aber ich will nicht“, antwortet sie gequält. Man könnte fast meinen, ich hätte sie dazu verdonnert ihr Zimmer aufzuräumen (das mache ich später). „Engel, ich kann jetzt nicht, ich muss arbeiten“, sage ich kurz und knapp. Und tatsächlich: Mit schmollendem Mund geht sie zurück in den Hof.

Währenddessen verfolgt meine große Tochter, die sich eigentlich den Hausaufgaben widmen soll, das Spektakel höchst amüsiert, bis sie mit einem barschen „Du sollst doch Hausaufgaben machen“ von ihrer Mutter unsanft aus ihren Gedanken gerissen wird.

Sofort wendet sich wieder ihrem Heft zu und spurt fleißig die großen und kleinen Ys nach.  Es ist still. Zirka fünf Sekunden. „Mamaaaa??“, sagt meine Große. „Was ist denn nu schon wieder?“ Ist es nicht zu kalt im Hof, wenn Lilly-Ann nur ihre Schlappen anhat?“ „Nein“, entgegne ich kurz, ohne von meiner Tastatur aufzuschauen. „Mach jetzt weiter“, füge ich nicht besonders freundlich hinzu.

Das Nervenkostüm ist dünn geworden in den letzten Wochen. Das Korsett um meine Geduld wird immer enger.

Eine Minute vergeht. Hey! Wow! Ich habe mittlerweile einen vollständigen Satz am Bildschirm zu Stande gebracht. Zeit für eine kurze Unterbrechung: Tippel, tippel, tippel, Lilly-Ann stattet uns einen Besuch ab: „Mama? Ich brauche eine Trinkflasche für meine Puppe.“ „Dann geh mal oben schauen“, antworte ich. „Aber ich weiß nicht wo!“ „Ich komme“, sage ich genervt. Ich besorge das benötigte Utensil, lenke die Konzentration meines Schulkindes wieder auf das Wesentliche und versuche ebenfalls da hin zurückzukehren.

Drei Minuten später: „Oh Mann, ich kann das nicht. Ich hasse malen.“ Tönt es vom Schreibtisch gegenüber. Ich sammle mich, denn jetzt wird’s schwierig! Kreative Dinge, zumindest wenn sie mit bunten Stiften zu tun haben, sind nicht so das Ding meiner Tochter. Es will sich ihr einfach nicht erschließen, warum sie ständig malen soll (mir übrigens auch nicht). Die Engelszungen, mit denen ich auf sie einrede, werden immer schwerer. Bald mutiert mein Ton von wohlwollend zu fordernd. Kann doch nicht ihr Ernst sein, dass sie 15 Rechenaufgaben in fünf Minuten löst, aber wenn sie ein trinkendes Kamel malen soll, die Krise kriegt. Doch, ist es, und ich verstehe sie.

„Konzentrier dich doch endlich“

Im gleichen Moment betritt die jüngsten im Bunde erneut die Bühne. „Mama?“ Kannst du mir mal helfen? Ich kann die Decke nicht alleine hinlegen“. „Ja ich komme gleich!“ und zu meiner Großen sage ich etwas ruhiger, „Probiers doch noch mal.“ „Ich kann das aber nicht!“ Ihr Lieblingssatz, wenn es ums Malen geht. „Doch klar, du hast doch schon ganz andere Sachen geschafft!“ Damit überlasse ich sie dem Kamel, um die Decke im Hof auszubreiten, so zumindest mein Plan. „Nein, jetzt noch nicht, Mama, erst wenn ich mit meiner Glitzerkatze im Urlaub angekommen bin“. Echt jetzt? Ihr Ernst? Ja, es ist ihr Ernst. Ich sammle mich kurz. „Ok, dann rufst du mich einfach“, sage ich durch die Zähne hindurch. „Ja mache ich“, quietscht es vergnügt zurück.

Ich nehme am Schreibtisch Platz, mit den üblichen Worten: „Bitte konzentriere dich auf deine Hausaufgaben und schau nicht in der Gegend rum.“ Kurz darauf: „Mama?“ „Jaaa!!“ „Ich brauch eine Tasche für den Puppenwagen“ „Such mal selber!“ Ich balle meine Hände zu Fäusten. Stille. Wow – scheint geklappt zu haben. „Mama??“ dieses Mal von gegenüber. „Was schreibst du da??“ „Einen Artikel.“ „Worüber?“ „Wie man Kinder am Schreibtisch festbindet und ihnen mit Kinderpflaster den Mund zuklebt“. „Oh Mama, jetzt im Ernst“. Ich erkläre ihr, um was es wirklich geht und werde mit der Antwort. „Ah, ok“, belohnt. Wie jetzt ‚ah ok‘?? „Das ist doch interessant, was Mama da macht“, sage ich, empört über die so wenig Begeisterung. „Nicht so wirklich“, antwortet meine Siebenjährige knapp. „Na, dann kannst du ja endlich wieder Hausaufgaben machen“, sage ich ein bisschen beleidigt.

„Warum ist der Faden rot und nicht blau?“

Es geht weiter im Text. Ich überlege… „Mama?“ „Jaaaa“ „Warum schreibst du nicht weiter“, fragt sie jetzt. „Weil ich ständig unterbrochen werde und so den roten Faden verliere“ schnauze ich zurück. „Was ist ein roter Faden, gibt es auch einen blauen?“ „Oh Mann, das kann doch jetzt nicht dein Ernst sein“, fauche ich jetzt und tippe weiter. Tief durchatmen: Es sind zwei Sätze. Juhu.

„Mama“ ruft es von draußen. Ich lasse meinen Kopf mit geschlossenen Augen auf den Holztisch sinken und möchte ihn gerne mehrmals wieder heben, um ihn dann wieder  auf die Tischplatte fallen zu lassen. Ich kann mich gerade noch zurückhalten. „Was ist, Mama“, fragt die Große irritiert. „Jetzt kannst du mir die Decke hinlegen“, ruft es zeitgleich von draußen. Ich erhebe mich stöhnend vom knarrenden Holzstuhl – das Schulkind thront auf dem Schreibtischdrehstuhl – und gehe wieder nach draußen. Die Glitzerkatzenmama hat unterdessen versucht, sich am Hoftor einzurichten. Fein säuberlich hat sie Teller und Löffel bereitgelegt und setzt die Glitzerkatze auf den ihr bestimmten Platz, nachdem ich wie gewünscht die Decke ausgerbreitet habe. „Ich bin jetzt in London“ Ah ja, gut. „Dann grüß mir die Queen“, antworte ich rasch und eile zurück ins Büro, das Verrückte macht, bevor sie wissen will, wer oder was die Queen ist. „Aber Mama, ich doch für uns gekocht“, ruft sie mir hinterher. Scheinbar ist sie nicht sonderlich beeindruckt, von der Tatsache, da sich ernsthaft versuche, im Abstellraumklassenzimmer meinen Job irgendwie zu erledigen. Ich husche trotzdem zurück durch die offene Terassentür. Ich muss den eben aufgetauchten Gedanken sofort zu Papier bringen, bevor mein in Mitleidenschaft gezogenes Hirn, diesen wieder vergisst.

Ich setze mich. Es klingelt. „Das darf doch nicht wahr sein“, murmle ich ungläubig und erhebe mich wieder. „Wer ist das, Mama“, fragt meine Große. „Woher genau soll ich das denn wissen!“ sagen ich mittlerweile ziemlich genervt. Der Hund bellt los. Kann also nur der Postbote sein. Nachdem auch das erledigt ist, meldet sich Mini wieder. „Mama dürfen wir was süßes“. „Au ja“, kommt prompte Unterstützung vom Schulschreibtisch. „Nein! Poltere ich los. Von zu viel Süßkram wird man krank!“, meckere ich in die ein und „schau, dass du fertig wirst“, in die andere Richtung. Sie begraben die Idee mit den Süßigkeiten. Vorerst.

Dann doch lieber Kamele

Genervt und von schlechtem Gewissen geplagt schaue ich auf meinen Bildschirm. Ganz fünf Zeilen sind das Ergebnis der letzten Stunde. „Ich kann so nicht arbeiten!“, wettere ich weiter. „Das kann doch nicht wahr sein! Welcher Vollidiot glaubt denn, dass Homeoffice mit Kindern für irgendwen eine gute Idee ist.“ Meine Tochter lässt den Bleistift sinken und macht große Augen. „Lass dich nicht ständig ablenken“, motze ich, bevor sie auch nur einen Ton sagen kann.

Das geht so nicht – beschließe ich. Der Druck wächst, der Unmut auch. Da die Laune meiner Kinder aus irgendwelchen Gründen stark von meiner abhängt, kann ich mir ausmalen, wie der Tag weitergehen würde.

Ich beschließe also, meinen Vorsatz, achtsamer mit mir und allen und allem anderen umzugehen, in die Tat umzusetzen. Ich klappe den Laptop zu. Mit einem letzten Blick auf mein Handy, beende meine Homeoffice-Einheit und widme mich meinen Kindern.

Ich werde mir gleich einen Kaffee machen und ein Stück dunkles Stück Schokolade genehmigen. Nach London reisen und Kamele malen. Dann wird es eben eine Nachschicht. Egal, dann haben wir zumindest einen schönen Tag! Mit dieser Entscheidung geht es mir schlagartig besser!

 

 

Ein Gedanke zu “Kamele im Homeoffice oder eine nicht zu bewältigende Herausforderung

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