Sie sind Eltern, Freund und Lehrer – Alleinerziehende in der Corona-Krise

In dieser Ausnahmesituation, in der und mit der  wir alle aktuell leben müssen, versuchen wir in meiner Redaktion die Geschichten des Alltags zu finden, die mitten unter uns passieren. Schulschließungen, Homeoffice, Kurzarbeit…die Auswirkungen der Corona-Krise sind vielfältig. Wie gut, wenn man sich mit dem Partner über Sorgen und Ängste austauschen kann. Doch was ist, wenn man die Corona-Krise mit dem Kind allein stemmen muss? Eine Mitarbeiterin aus unserem Verlag erzählt.

Das Telefongespräch mit meiner Arbeitskollegin tut gut. Als ob wir uns schon ewig kennen würden, unterhalten wir uns über unsere Kinder und die neuen Herausforderungen, die diese noch nie dagewesene Schulschließung für Eltern mit sich bringt. Was uns verbindet, ist die Liebe zu unserer Arbeit. Wir sind dankbar, dass wir bei unserem Arbeitgeber Kind und Job so gut unter einen Hut bringen können. Und doch ist meine Kollegin im Moment hin und her gerissen, denn sie ist Mama mit Herz und Seele.

Verantwortung zu Hundert Prozent

„Arbeiten ist eine Abwechslung für mich in diesen Tagen“, sagt sie. Dennoch begleitet sie stets die Angst, selbst an Covid-19 zu erkranken oder ihr Kind anzustecken. Hintergrund dieser Bedenken ist nicht etwa Panik, sondern das Wissen, dass sie die Verantwortung für ihr Kind zu Hundert Prozent selbst trägt, ohne Partner, der im Notfall einspringen könnte. Die Großeltern sind im Moment aufgrund ihres Alters und einer Vorerkrankung auch keine Option. Auch wenn ihr Sohn seinen Vater, der weiter weg wohnt, regelmäßig sieht und dieser auch für ihn da ist, so ist der Lebensmittelpunkt des neunjährigen Jungen eben doch bei seiner Mutter. In diesen Tagen wiege die Verantwortung besonders schwer, sagt die junge Mutter.

„Oft fehlen mir Geduld und Nerven.“

Wir sprechen darüber, wie wir versuchen, eine gewisse Tagesstruktur für unsere Schulkinder aufrecht zu erhalten, damit sie nicht völlig aus dem Takt geraten. Ihr Sohn besucht die vierte Klasse und habe eine „tolle Klassenlehrerin“. Es gibt einen Wochenplan, der das schulische Pensum festlegt. „Da hat man eine gute Richtlinie“, sagt meine Kollegin. Außerdem könne man die Lehrerin stets per Email oder Telefon erreichen. Eine Eltern-WhatsApp-Gruppe ist auch im Einsatz. Die Hausaufgaben empfindet die alleinerziehende Mutter trotzdem oft als anstrengend. „Oft fehlen mir Geduld und Nerven.“ Neue Themen in Mathe – welche Eltern kommen da nicht an ihre Grenzen?! „Ich ersetze die Lehrerin im Moment komplett.“ Auch das tut sie allein.

Ihr Sohn habe den Ernst der Lage begriffen, sagt sie. Sie habe viel mit ihm darüber gesprochen. Dabei ist meiner Kollegin sehr wichtig, dass ihr Sohn nicht in Grübelei verfällt. „Er soll wissen, um was es geht, aber die Sorgen will ich schultern.“ Der Unterschied zu vielen anderen Familien liegt genau in diesem Satz. Denn meine Kollegin schultert diese Sorgen nicht nur, sie tut es allein. Da, wo Paare sich abends erschöpft auf die Couch sinken lassen, nachdem ein weiterer Tag der Zwangsferien vorüber ist, und miteinander Bedenken und Ängste teilen können, wo so mancher finsterer Gedanke durch Zweisamkeit zerstreut werden kann, genau da fehlt meiner Kollegin der Gesprächspartner. Sie versuche viel mit Freunden zu telefonieren, doch das sei nicht dasselbe.

Einen Moment zum Luftholen

Bei anderen Alleinerziehenden kämen noch die finanziellen Sorgen hinzu, sagt meine Kollegin, das sei bei ihr zum Glück überschaubar. Auch darüber hinaus gelten ihre Gedanken in diesen Tagen anderen Menschen. Menschen, die alt und allein sind, Singles ohne Kinder. Menschen, die in diesen Zeiten noch weniger Sozialkontakte haben und entsprechend noch seltener die Gelegenheit zum Austausch.

Meiner Kollegin tat unser Gespräch gut – wie auch mir. Trotz der großen Verantwortung, die sie im Gegensatz zu mir, nicht selbstverständlich mit dem Vater Tag für Tag teilen kann, klang sie fröhlich und optimistisch. Sie ist dankbar für ihren Sohn, ihren Job und die Menschen um sie herum. Das einzige, was sie sich hin und wieder wünscht, ist eine Stunde für sich, in der sie die Verantwortung für einen Moment abgeben kann. Einen Moment, um durch zu schnaufen.

(Veröffentlicht in „Breisgauer Wochenbericht – Wochenzeitungen am Oberrhein, 25.März 2020)

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