Wir pfeiffen auf Regeln – ab heute wird alles anders

Dies ist eine Momentaufnahme, sozusagen ein Live-Text, bitte nicht zu ernst nehmen!

Ich erziehe ab sofort anders! Meine Kinder dürfen ab heute selbst entscheiden. Wenn sie einen Wunsch haben, werden ich ihnen diesen erfüllen, schließlich sollen sie eine glückliche Kindheit haben. Bisher gab es Regeln, Grenzen und Werte. Über Missverständnisse, Meinungsverschiedenheiten und Streit wurde gesprochen und diskutiert. Mit Engelszungen und auch mal lauter habe ich versucht die Welt zu erklären, warum das ja und warum dies aber nein. Was hat’s gebracht? Nix. Stimmt nicht ganz. Es brachte Tränen, Geschrei, Diskussionen, Motzereien auf Kinder- und Verzweiflung auf Mutterseite. An einen ruhigen Moment am Tag nur für mich war meistens kaum zu denken.

Das wird ab heute anders. Meine Kinder sollen sich schließlich frei entfalten, ihre Persönlichkeit entdecken. Eigentlich will ich nur kurz meine Ruhe! Ab heute pfeifen wir auf Regeln. Ihre Werte können sie selbst finden. Soll doch die Große ihre Hausaufgaben sein lassen. Schließlich ist sie bald sieben, kann ein Tablet bedienen, scheint ohnehin die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, da kann sie doch auch selbst entscheiden, ob sie diese Hausaufgaben machen möchte oder nicht. Also bitte, das ist ja wohl das mindeste.

Und die Kleine? Auch ihre Wünsche seien mir Befehl. Das ist auch eigentlich ganz einfach. Eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen ist Essen. Die rationierten und wohl dosierten Süßigkeiten werde ich ihr einfach zur freien Verfügung stellen. Schokolade macht glücklich, das weiß ja wohl jeder! Was wäre ich denn für eine Mutter, wenn ich meiner Tochter diese Endorphine nicht gönnte? Sie darf ab sofort soviel essen, wie reingeht. Wenn sie Bauchschmerzen kriegt, tja, sie weiß ja wo das Kirschkernsäckchen liegt und ihre Schwester kann die Mikrowelle bedienen. Ab heute lernen meine Kinder verstärkt aus eigenen Erfahrungen.

Ich beschränke die Kindererziehung auf die Aufsichtspflicht, sonst mache ich am Ende noch strafbar, das wollen wir ja nicht. Wenn es im ersten Stockwerk, wo sich die Kinderzimmer befinden, laute Streitereien geben sollte, dann werde ich die Türen schließen und meine Kopfhörer aufsetzen. Hin und wieder lausche ich nach oben – ihr wisst schon, die Aufsichtspflicht und so. Keine Angst, sollte es zu Heulerei kommen, ich erkenne einen akustischen Unterschied zwischen Schmerzen und Schmollen. Im ersten Fall müsste ich meine Deckung wohl aufgeben und einschreiten. Ich würde mich mit Kinderriegeln und Lollies bewaffnen müssen.

Bisher ging mein Plan auf, also zumindest seit der letzten dreiviertel Stunde. Ein Anfang. Ich hörte nicht einmal das am häufigsten gesagte Wort des Jahres „Mama“. Nicht in liebevollem Ton – nein! Fordernd, genervt, als ob sie sich schon seit Stunden die Seele aus dem Leib rufen müssten, bis ihre Mutter ihnen einen klitzekleinen Moment ihrer Zeit schenkt. Dabei fühle ich mich manchmal, als ob meine Kinder meine einzige Existenzberechtigung wären. Aber ab heute wird ja alles anders…

… bisher läufts ganz gut. Ich darf nur keine Aufmerksamkeit erregen, dann vergessen sie vielleicht, dass ich hier unten sitze. Oben startet die Kinderdisco, meine Chance die Kaffeemaschine laufen zu lassen, ohne aufzufliegen.

Was? Meine neue Strategie ist kurzsichtig? Optimisten wie ich würden sagen, sie ist spontan. Ich löse die Probleme, wenn sie da sind. Was nützt es denn, mir vorher schon den Kopf zu zerbrechen, ob sie heute Lust haben, mit dem Hund zu laufen oder nicht. Wenn nicht, dann ab vor die Glotze. Frische Luft? So ein Quatsch. Wir machen einfach die Balkontür auf, während die beiden sich von kinderverdummenden Trickfilmserien berieseln lassen. Zwischendurch gibt’s noch nen Keks. Ich mach die große Gassierunde alleine. Was für schöne Aussichten! Aufsichtspflicht?? Das übernimmt die Paw Patrol. Läuft bei uns!

Vielleicht war ich als Mutter bisher zu engagiert. Sie war stets bemüht und so! Wenn meinem Mann meine neue Zurückhaltung nicht gefällt, kann er ja mit den doofen Regeln weitermachen. Mal sehen, wie die Damen das finden. Ich werde mich dann zurückziehen, um auch meinem Mann Freiraum und Zeit mit den Kindern zu schaffen.

Ich habe aktuell übrigens keine Ahnung, was meine Ladies im ersten Stock treiben. Fakt ist, diesen Text habe ich ohne Störungen und Unterbrechungen geschrieben, also zuzusagen live während meiner Erziehungsumstellung.

Oh Gott, ich höre Schritte auf der Treppe. Sie kommen. Ich brauche Nachschub, Schokolade, Gummibärchen…..

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