Wo bleiben die Kinder?

Corona-Krise: Wir waren gefügig und gehorsam. Flatten the curve hieß und heißt das erstrebenswerte Slogan. Keiner von uns will, dass unser Gesundheitssystem zusammenbricht. Wir haben den Schock der Kurzarbeit verkraftet, wir haben uns im Homeoffice organisiert, wir „beschulen“ unsere Kinder, wir basteln und spielen. Ja, wir genießen auch die Zeit, die wir haben. Wir sehen unsere Freunde nicht, unsere Verwandten, Reise müssen storniert werden. Dabei war ein Datum vor Augen – 15. April, wenn die Regierung über die weitere Vorgehensweise informieren würde. Ok. Kitas bleiben zu. Schulen irgendwie auch und irgendwie auch nicht. Das wars! Weitere Infos: Fehlanzeige. Seit diesem Tag wächst mein Unmut, auch wenn ich sehr dankbar für die Erlassung der Kitagebühren bin (an der wohl vor allem die Kommunen einen großen Anteil haben)! Ich habe viel Verständnis, ich erkläre meinen Kindern die Situation. Rede mir den Mund fusselig, dass dies nicht geht und das derzeit nicht möglich ist. Sie nehmen es hin.

Doch nun reicht es.

Es hieß, Deutschland wolle keine Zweiklassengesellschaft, als es darum ging wie weiter mit Ausgangs- und Kontaktsperre für ältere Menschen umgegangen werden soll. Die alten Menschen unserer Gesellschaft haben wir im Blick – und das ist auch gut so. Aber was ist mit den Jüngsten? Wo ist ihre Lobby? Spielplätze dicht, Erlebnispfade in freier Natur abgesperrt, Freunde treffen verboten, in Lebensmittelläden sind sie nicht mehr willkommen. Bei einem Besuch auf dem Markt wurden meine Kinder ermahnt, mehr Abstand zu halten, obwohl sie beide nahe bei mir standen, denn ich hatte sie im Vorfeld eingehend gebrieft. Selbst beim Kreide malen auf der Straße werden sie argwöhnisch beäugt.

Das Ausmaß der Folgen?

Es geht hier nicht nur um meine Kinder, denn die beiden haben immerhin sich, sie haben einen Hof zum Spielen, Großeltern, die auf demselben Grundstück leben und Eltern, die ein gutes Team sind. Es geht um alle Kinder. Es geht mir nicht darum, dass ich meine Kinder wieder in die Betreuung bringen will, um in Ruhe arbeiten zu können. Es geht nicht um mich, es geht um die Kinder. Es geht um Kinder, denen es in ihrer Familie aus den unterschiedlichsten Gründen nicht so gut geht. Professorin Maud Zitelmann forscht in Frankfurt zu Jugendhilfe und Kinderschutz und sagte in einem Interview: „Für manche ist das lebensgefährlich.“ Der Kinderschutzbund fordert „Kinder brauchen Kinder“. Und was ist mit den Alleinerziehenden? Hat jemand einen Überblick über die Folgen dieser Ausgrenzung auf und in Familien.

Vor Eisdielen bilden sich wieder Schlangen, Modegeschäfte dürfen öffnen, Gottesdienste, die vor allem von der Risikogruppe besucht werden, sind bald wieder gestattet, doch Spielplätze bleiben geschlossen. Es geht nicht darum, eine Bewertung vorzunehmen, was „öffnungswürdiger“ ist und was nicht, sondern darum, dass wir auch an anderer Stelle die Verbreitung des Virus in Kauf nehmen.

Ich möchte noch mal betonen: Ich freue mich über die Lockerungen, ich freue mich darüber, dass kleine Läden durch die Öffnung eine Überlebenschance bekommen (ich habe diese in unserer Region begleitet und unterstützt), ich mache mir Sorgen um das Gaststätten- und Hotelgewerbe – doch über alle diese Dingen fanden oder finden aktuelle Diskussionen statt, doch wo bleiben die Kinder?

Diskussion kommt in Gang

Seit einigen Tagen scheint eine Diskussion anzulaufen und die Stimmen der Eltern werden lauter. Das nährt zumindest die Hoffnung, dass nun auch die jüngsten unserer Gesellschaft mehr in den Blick genommen werden. Wird auch Zeit!

Liebe Politik: Ich bin dankbar, für die finanziellen Hilfen und ich weiß, es gibt keinen Masterplan, doch wir Eltern brauchen Informationen, Dialoge. Das, was zu uns durchdringt, ist schwammig. Eine hoffnungsvolle Meldung da, eine ernüchternde dort. Ich fordere doch nicht die sofortige Öffnung der Kitas und Schulen, ich wünsche mir lediglich, dass die jüngsten unserer Gesellschaft nicht länger als Nebensache behandelt werden.

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